Landwirtschaftliche Lieferketten können nur dann als nachhaltig bezeichnet werden, wenn sowohl die Rechte von Männern als auch von Frauen geschützt werden und beide Geschlechter gleichwertig Zugang zu Wissen und Ressourcen haben. Nur dann finden sie die gleichen Strukturen vor, um ihre Entscheidungen abwägen zu können. Und das ist nur dann möglich, wenn Männer und Frauen auf gleiche Weise über die Freiheit verfügen, überhaupt eigene Entscheidungen zu treffen. Geht es um Entfaltungsmöglichkeiten und Rechte, gibt es leider immer noch ein Ungleichgewicht: Farmerinnen und weibliche Arbeiterinnen haben weniger Zugang zu Bildung, zu Krediten, zu Trainings – und zu eigenem Landbesitz. Zusätzlich tragen sie immer noch die Hauptlast der Hausarbeit und Kindererziehung. Wir haben Julius Nganga, den UTZ-Landesvertreter in Kenia, befragt: Wie kann die Gleichberechtigung als wesentlicher Bestandteil des nachhaltigen Anbaus mehr Aufmerksamkeit erfahren und gefördert werden?

(Veröffentlicht am: Oktober 12, 2018)

Ungleiche Ausgangspositionen

Female coffee farmers in Kenya

Kaffeefarmerinnen in Kenia bei der Weiterverarbeitung der Kaffeebohnen

Sowohl Männer als auch Frauen spielen eine wichtige Rolle im Produktionsprozess von landwirtschaftlichen Produkten. Dennoch wird der Beitrag von Farmerinnen aufgrund von tradierten gesellschaftlichen Normen oftmals nicht entsprechend wertgeschätzt. Unter anderem bleibt ihnen der Besitz von Land oder von einzelnen Bäumen versagt – was in der Regel vorausgesetzt ist, um Mitglied in einer Kooperative zu werden. Dies wiederum bedeutet, dass die Farmerinnen nur begrenzt Zugang zu Informationen, Innovationen und Ressourcen erhalten, die den Produktionsprozess betreffen. Das beschneidet die Frauen in ihren Möglichkeiten, nachhaltigen Anbau zu betreiben. Ihre Produktivität ist geringer und sie haben keine Chance, ihre Bedürfnisse zu äußern.

„Kleinbauern in Kenia, ebenso wie in anderen kaffeeproduzierenden Ländern, haben allgemein keinen sehr hohen Bildungsgrad und kaum Zugang zu Serviceleistungen oder Input rund um den Anbau. Das macht es ihnen schwerer, ihr Potential voll auszuschöpfen, sowohl hinsichtlich der Quantität als auch der Qualität ihrer Cash Crops – also jener Rohstoffe, die ihren Lebensunterhalt sichern“, erklärt Julius. „Für Frauen ist die Situation oft noch schwieriger, da die Gesellschaft von Männern dominiert wird und diese die sozialen Normen und Werte bestimmen. Auf Arbeiterinnen, zum Beispiel, wird bei den Arbeitsbedingungen in der Regel keine Rücksicht genommen. Das Recht auf Mutterschutz, auf Kinderbetreuung oder auf gleiche Jobchancen sucht man zumeist vergebens.“

 

Die weitreichenden und positiven Auswirkungen von Gleichberechtigung

Eine nachhaltige Landwirtschaft ist nicht umsetzbar, wenn man sich nicht des Themas Gleichberechtigung annimmt. Die Gleichstellung der Geschlechter ist ein Menschenrecht, das verdient, geschützt zu werden. Darüber hinaus ist Gleichberechtigung auch ein probates Mittel, um die Wirtschaftlichkeit zu steigern und die Armut zu reduzieren. Schließlich haben Frauen viel Potential, um ihre Produktivität zu erhöhen. Verbessert sich die Situation für Frauen, wirkt sich dies außerdem positiv auf die gesamte Gemeinschaft aus. Denn Frauen reinvestieren ihren Verdienst in der Regel größtenteils in die Familie und die Gemeinschaft um sich herum und engagieren sich auch vornehmlich dort.

Eine nachhaltige Zukunft ist nur möglich, wenn sichergestellt wird, dass Farmer und Farmerinnen, Kleinbauern und Kleinbäuerinnen sowie Arbeiter und Arbeiterinnen gleichermaßen Zugang zu und Kontrolle über Wissen, Möglichkeiten und Ressourcen haben. Und nur, wenn ihre Rechte respektiert werden und beide Geschlechter offen sprechen können sowie gehört werden, wenn es um ihre Bedürfnisse geht.

 

Partnerschaften und Zusammenarbeit: Ein Katalysator für Gleichberechtigung

Session „Umsetzung von Gleichberechtigung innerhalb der Projekte“ als Teil des UTZ-Partnerschaftsprogramms in Kenia

Eine weitere Voraussetzung für die Gleichstellung der Geschlechter ist, dass Farmer, Arbeiter, Gemeinschaften, Organisationen vor Ort, Regierungen und Unternehmen stärker zusammenarbeiten und sich für Gleichberechtigung sowie die Stärkung der Frauenrolle einsetzen. Julius sagt: „Genau aus diesem Grund arbeitet die Rainforest Alliance im Rahmen ihres UTZ-Partnerschaftsprogramms mit den relevanten Stakeholdern in verschiedensten Ländern zusammen: Um ihnen die negativen Folgen von Geschlechterdiskriminierung aufzuzeigen und positive Beispiele aus der Praxis mit ihnen zu teilen, mit denen die Ungleichbehandlung von Frauen und Männern im Kaffeesektor bekämpft werden kann.“

Wir arbeiten mit den relevanten Stakeholdern in verschiedensten Ländern zusammen: Um ihnen die negativen Folgen von Geschlechterdiskriminierung aufzuzeigen und positive Beispiele aus der Praxis mit ihnen zu teilen, mit denen die Ungleichbehandlung von Frauen und Männern im Kaffeesektor bekämpft werden kann.

In Nicaragua zum Beispiel arbeitet das UTZ-Partnerschaftsprogramm mit dem Coffee Quality Institute zusammen. Im Rahmen der am Institut angesiedelten „Partnerschaft für Geschlechtergleichheit“ wird ein Projekt umgesetzt. Es unterstützt Frauen dabei, ihre Führungsqualitäten weiterzuentwickeln und ihre wirtschaftliche Schlagkraft auszubilden.

Die International Women‘s Coffee Alliance, kurz IWCA, ist dagegen ein Netzwerk aus unabhängigen Organisationen in 22 Ländern. Ihr Ziel ist es, allen weltweit in der Kaffeeindustrie tätigen Frauen eine Stimme zu geben und sich für ihre Rechte einzusetzen. Mit den lokalen Vertretungen der IWCA in Uganda, Kenia und Honduras betreibt die Rainforest Alliance mehrere Projekte. Darin werden jeweils die Organisationskraft und die Beratungsfähigkeiten der Lokalvertretungen gestärkt. Dies soll ihnen ermöglichen, noch mehr geschlechterrelevanten Strategien auf Sektorebene Gehör zu verschaffen.

Frauen der „International Women‘s Coffee Alliance“ in Uganda

„Maßnahmen zur Gleichstellung von Frauen und Männern innerhalb der Kaffee-Wertschöpfungskette zahlen sich auch wirtschaftlich aus. Wenn 70 Prozent der Farmer – denn so viele von ihnen sind Frauen – ihr Potenzial ausschöpfen, führt das nicht nur zu höheren Erträgen und einer gesteigerten Qualität. Es verbessert auch die Lebensbedingungen für Millionen von Menschen im Kaffeeanbau“, erklärt Julius.

Kaffeespiel zum Thema Gleichberechtigung als Teil des UTZ-Partnerschaftsprogramms in Uganda

In Uganda arbeitet die Rainforest Alliance ebenfalls mit Akteuren vor Ort zusammen, zum Beispiel mit Händlern. Diese zeigen sowohl den Farmerinnen als auch den Farmern auf, welches Rollenbild vorherrscht und wie die Verantwortlichkeiten zwischen den Geschlechtern aufgeteilt sind. Gemeinsam wird eine Vision davon entworfen, wie gleichberechtigte Entscheidungsprozesse und eine faire Gehaltsaufteilung innerhalb der einzelnen Haushalte aussehen können. Ein Werkzeug, das dabei zum Einsatz kommt, ist das sogenannte Kaffee-Spiel. Darin finden sich sowohl Aspekte der Gleichberechtigung als auch des nachhaltigen Anbaus wieder und werden miteinander in Bezug gesetzt. Im Rahmen dieses anschaulichen Spiels zeigt sich: Mehr Zugang zu eigenem Einkommen wird den Frauen im Laufe der Zeit mehr Chancengleichheit und eine bessere Zukunft ermöglichen.

 

Was bedeutet Gleichberechtigung für Sie?

Wenn Sie wissen wollen, wie eine Familie von Kaffeefarmern, wie Unternehmen und wie Verbraucher in Zentral- und Nordamerika auf diese Frage antworten, empfehlen wir Ihnen den einstündigen Film „Gender in Coffee“. Einen kurzen Trailer zu diesem Dokumentarfilm von Xavier Hamon und Hannah Stapler finden Sie hier:


Sprechen Sie über Gleichberechtigung!

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