2014 gründete UTZ sein Haselnuss-Programm als Reaktion auf die Nachfrage von Mitgliedern des UTZ-Kakaoprogramms, die neben Kakao auch nachhaltig produzierte Haselnüsse beziehen wollten. Mittlerweile hat das UTZ-Haselnuss-Programm bereits vier Ernten durchlaufen, seine Größe verdreifacht und erreicht nun mehr als 4.000 registrierte Farmer, 16 Zertifikatsinhaber und 43 Handelspartner. Um den Haselnuss-Sektor zu verändern, müssen wir zuerst die Herausforderungen verstehen. Wir haben mit Leonie Haakshorst, Managerin des UTZ-Haselnuss-Programms, über die Probleme gesprochen, die es derzeit noch in der Haselnussproduktion in der Türkei gibt. 

Die Türkei ist der größte Haselnussproduzent weltweit, gleichzeitig hat das Land niedrige Durchschnittserträge und weist Mängel bei einigen Nachhaltigkeitskriterien im Hinblick auf eine Produktivitätssteigerung und die Lösung sozialer Konfliktfragen auf. Da das Land für die Haselnussproduktion ausgesprochen wichtig ist, hat das UTZ-Haselnuss-Programm hier seinen Ursprung.

Was sind die größten Herausforderungen auf dem Haselnuss-Sektor?

„Es gibt vier große Herausforderungen, auf die wir uns konzentrieren. Eine davon ist die Steigerung der Produktivität und der Qualität der Haselnussernte. Die anderen drei sind soziale Fragen bezugnehmend auf die Arbeiter, die die Haselnüsse ernten: informelle Einstellungspraktiken, Lebensbedingungen und drohende Kinderarbeit.“

 

Was genau macht die Steigerung der Produktivität bei der Haselnussernte so schwierig?

„Die Produktivität ist niedrig. Entweder das Einkommen der Haselnussfarmer basiert nicht ausschließlich auf Haselnüssen oder sie leben nicht in der Nähe ihrer Plantagen. Beide Gruppen haben weniger Interesse daran, Zeit und Ressourcen in die Entwicklung ihrer Haselnussfarmen zu investieren. Viele Farmer arbeiten zum Beispiel nicht ganzjährig auf ihren Plantagen. Deshalb schneiden sie ihre Bäume entweder nicht zur optimalen Zeit zurück oder verzichten sogar ganz darauf. Auf anderen Farmen müssten die alten Bäume ersetzt werden. Würde man diese Anbaupraktiken richtig umsetzen, würde sich die Produktivität erhöhen.“

Wer arbeitet auf den Farmen?

„Während der kurzen Erntezeit im August arbeiten auf vielen Farmen Wanderarbeiter, die aus dem Südosten der Türkei kommen. Ausländische Wanderarbeiter, vorrangig aus Georgien, machen ebenfalls einen kleinen Teil der Arbeitskräfte aus. Wanderarbeiter sind schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen ausgesetzt, manche von ihnen bringen außerdem ihre Kinder mit. Dadurch wird auch Kinderarbeit ein reelles Risiko.“

Wie sehen die Lebensbedingungen für die Arbeiter aus?

Da die Erntezeit mit etwa sechs Tagen pro Farm sehr kurz ist, sind  Investitionen in die Unterkünfte der Arbeiter in Relation sehr hoch. Das bedeutet, dass die Wanderarbeiter häufig unterdurchschnittlichen Bedingungen mit schlechten Wasser- und Hygienebedingungen sowie fehlender adäquater Kinderbetreuung ausgesetzt sind. In manchen Gebieten haben örtliche Behörden mit Unterstützung der Internationalen Arbeiterorganisation Unterbringungscamps eingerichtet, die unter anderem über Elektrizität, Wasser und Toiletten verfügen. Doch nicht alle Arbeiter haben Zugang, sodass diese zum Teil in Zelten außerhalb des Camps oder in leerstehenden Gebäuden unterkommen.“

Was ist mit den Kindern der Arbeiter? Wie ist die Situation für sie?

Manche Arbeiter kommen allein, die meisten bringen jedoch ihre Kinder mit zu den Farmen. Die Haselnussernte findet generell während der Schulferien statt, sodass die Kinder keine Schultage versäumen. Allerdings begleiten die Kinder ihre Eltern in den meisten Fällen auch auf die Plantagen – entweder, um zusätzliches Geld für die Familie zu verdienen oder einfach, weil es keine Kinderbetreuung vor Ort gibt. Das widerspricht dem türkischen Gesetz, laut dem es Kindern unter 16 Jahren untersagt ist, auf Plantagen zu arbeiten. Gefährliche Arbeit ist bis zu einem Alter von 18 Jahren verboten. Trotz dieses Gesetzes kam in einer Bewertung der Fair Labor Association heraus, dass in den Gebieten Ordu und Giresun 41 Prozent der Arbeiter unter 18 Jahren alt sind, die Hälfte ist sogar unter 15. Hinzu kommt, dass die Lebensbedingungen keine sichere Umgebung für Kinder darstellen.“

Welche Rolle nehmen Arbeitsvermittler in diesem Prozess ein?

„Da für die Wanderarbeiter vor der Arbeit auf den Farmen erst noch die Anreise steht, gehen sie häufig den Weg über einen Arbeitsvermittler, um Arbeit zu finden. Die Vermittler nehmen eine wichtige Position ein: Für die Farmer finden sie zuverlässige Arbeitskräfte, gleichzeitig für die Arbeiter Beschäftigung. Trotzdem kann es zu Problemen kommen, wenn es sich um eine informelle Einstellung und Bezahlung handelt. Denn dann kann es passieren, dass den Arbeitern hohe Provisionen von ihren Löhnen abgezogen werden, ohne dass sie eine Grundlage hätten, auf der sie sich dem widersetzen könnten.“

Lesen Sie mehr dazu, wie wir zusammen mit unseren Mitgliedern und Partnern mit sozialen Fragen im Haselnuss-Sektor umgehen.